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    Der Berg ruft

    Der Berg ruft: Büchertipps

    PROZ, Januar 2026, S. 22–24

    Sina Aebischer (sae), Sabine Knosala (skn)

    Ob nach ausgelassenen Stunden auf der Skipiste oder einem langen Tag im Büro: Wir haben für die winterlichen Abende sechs Schweizer Bücher vom letzten Jahr ausgesucht, die eine gedankliche Reise in die Berge ermöglichen.

     

    Ein brennendes Chalet im Schnee

    sae. «An einem schönen Sonntag im Kalten Krieg habe ich oben auf einem Schweizer Berg Axel Caesar Springers Chalet in Brand gesteckt. Wie und warum, das will ich hier erzählen.» So beginnt Daniel de Roulets Bericht über das, was am 5. Januar 1975 hoch über Gstaad passierte. Das Buch erschien 2006 im Limmat Verlag, 2025 kam eine Neuauflage mit einem Nachwort heraus. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung war die Straftat verjährt und de Roulets Komplizin und Geliebte verstorben. Für den Schriftsteller bedeutete das Aufschreiben der Geschehnisse auch deren Aufarbeitung: «Allmählich wird es Zeit, dass ich all das zu begreifen versuche, was ich damals zwischen den starren Fronten nicht wahrgenommen habe.»

    In «Ein Sonntag in den Bergen» wechselt der Autor zwischen der Erzählung der Vergangenheit und Gedanken zu Politik und Weltgeschehen der Gegenwart. In beiden Ebenen wird der Berg zur Kulisse, als verschneiter Zeuge des Feuers oder als Ort, zu dem de Roulet zurückkehrt, um mit dem längst toten Springer zu sprechen: «Ich hätte Ihnen so viel zu sagen, jetzt, da ich Sie wiedergefunden habe.»

    Daniel de Roulet, «Ein Sonntag in den Bergen», Limmat Verlag, Zürich, 2025. 128 S., gb., CHF 30

     

    Muskelkater und Fossilien

    sae. Die Genferin Laurence Boissier schildert in «Geschichte einer Erhebung», wie die Städterin Laurence zu einer neuntägigen Wanderung mit einem Bergführer und einer übermotivierten Gruppe aufbricht. Ihren eigenen Bezug zu den Bergen beschreibt die Protagonistin so: «In den Bergen entspricht mein Status dem eines Haustiers. Man nimmt mich mit hinauf, um mich nicht allein zu Hause zu lassen.»

    Laurence, eine Autorin, hat ein Heft dabei, in dem sie notiert, was passiert und gesagt wird. Darin finden sich bald Beobachtungen der beeindruckenden Bergkulisse, der Gruppendynamik und ihres eigenen Körpers, der nicht für die Anstrengungen des Gebirges gemacht scheint. Gespickt wird der Text mit Fakten über die Entstehung der Alpen, dieser Erhebung, die mit Massensterben und Katastrophen einherging und dabei Schönes hervorbrachte. Aber bei all dem Faktischen und Schönen kommt auch der Humor nicht zu kurz, wenn sich Laurence immer wieder ein Ende der Wanderung herbeisehnt: «Ich schimpfe auf das Reisebüro, das diesen Bergführer beschäftigt, auf die Kontinentaldrift und vor allem auf mich selbst.»

    Laurence Boissier, «Geschichte einer Erhebung», übersetzt von Hilde Fieguth, Verlag die Brotsuppe, Biel, 2025. 208 S., gb., CHF 28

     

    Skurrile Figuren und mächtige Felsen

    sae. In Tim Krohns Kurzgeschichten sind die Berge hoch und wild und die Charaktere schräg und eigen. Er lässt Stadtmenschen auf Gebirge und Bergmenschen aufs Meer treffen, beobachtet dabei stets ganz genau die kleinsten Details und schildert diese mit viel Liebe und Sorgfalt. Bei ihm sind die Berge ein Ort zum Ausbruch aus dem Alltag und ein Ort der Ruhe, wie auch der Titel «Die Stille der Höhe» bereits andeutet.

    «Die wenigen Bewohner des Val Müstair drohen jederzeit zu verschwinden zwischen den Massen und Klüften von Gestein, das wild bewachsen und bevölkert ist von gut zweitausend Tier- und Pflanzenarten», schreibt Krohn in einer der Erzählungen. Dieser bedrohten Existenz in einer rauen Welt stellt er sanfte Glücksmomente entgegen, in denen Menschen ganz unverhofft zueinander und zu neuen Leidenschaften finden. Es sind Geschichten der Selbstentdeckung, durchzogen von mythischen Elementen, die aus Bergspalten wachsen, den riesigen Felsen Leben einhauchen und ein bisschen Magie über die hohen Gipfel und tiefen Täler legen.

    Tim Krohn, «Die Stille der Höhe»: Atlantis Verlag, Zürich, 2025. 192 S., gb., CHF 29.90

     

    Ein vermeintliches Paradies

    sae. Ein kleiner Ort in den Schweizer Bergen ist Schauplatz für den erstmals 1941 veröffentlichten schmalen Roman «Dorf im Himmel». Dort leben einfache Leute, die ein einfaches Leben führen, bis die Toten plötzlich auferstehen und in ihre Häuser zurückkehren. Nun ist nichts mehr wie zuvor. Die Zeit vergeht nicht mehr, alles ist immer schön und friedlich und die Bevölkerung des Dorfes kennt keine Sorgen mehr. Doch was traumhaft, geradezu paradiesisch wirkt, verliert sehr schnell den anfänglichen Glanz.

    Charles Ferdinand Ramuz weiss über die Zeit vor der Rückkehr der Toten: «Die Sonntage des Herzens waren selten in jener Zeit: Vielleicht waren sie darum so kostbar.» In schlichter, alltäglicher Sprache erzählt er vom Leben in den Bergen und davon, wie die Menschen mit dem neuen Glück hadern, weil es so ungetrübt daherkommt, ungetrübter noch als der selbstgebrannte Schnaps im Dorf. Ramuz lässt die kleine Dorfgemeinde grossen Fragen nachgehen, die dieses Jahr zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurden.

    Charles Ferdinand Ramuz, «Dorf im Himmel», übersetzt von Steven Wyss, Limmat Verlag, Zürich, 2025. 128 S., gb., CHF 30

     

    Der Traum vom Berg

    sae. Lucy Walker wurde 1836 geboren und lebte mit ihrer Familie in Liverpool. Die Sommer verbrachten die Walkers jeweils in der Schweiz, wo Vater und Bruder ihrer Leidenschaft fürs Bergsteigen nachgingen, während Lucy und ihre Mutter im Tal auf sie warteten und Spaziergänge machten. All das änderte sich im Sommer 1858, als ein Arzt Lucy riet, zu wandern, um ihr Rheuma zu behandeln.

    Andrea Günther erzählt in «Die Gipfelstürmerin» die Geschichte der ersten Frau, die den Gipfel des Matterhorns erklomm. «Obwohl sie die Schönheit dieses Berges inzwischen kannte, war sie doch aufs Neue ergriffen von seiner Grossartigkeit, den absurd steilen Linien, dem Stolz, mit dem dieser Gipfel sich in den Himmel reckte», schreibt Günther und fasst damit die Anziehungskraft des Berges auf Walker in Worte. Obgleich es sich für eine feine englische Dame nicht gehörte, bestieg sie zahlreiche Gipfel, trotzte gesellschaftlichen Widerständen – und verliebte sich dabei in einen armen Schweizer Bergführer. Günther schmückt die historischen Fakten zu einer mitreissenden Geschichte aus.

    Andrea Günther, «Die Gipfelstürmerin», Gmeiner Verlag, Messkirch, 2025. 400 S., gb., CHF 29.50

     

    Kammerspiel zwischen Himmel und Erde

    skn. Alleinunterhalter Fredi Rüegg alias Fredi Solo liebt deutsche Schlager. Doch nach seinem 936. Auftritt auf der Saxenalp, wo er als Jugendlicher selbst in der Ferienkolonie tätig war, passiert es: Die Seilbahnkabine bleibt auf halber Strecke ins Tal stecken. Mit an Bord ist ausgerechnet Bongo Bottlang, der Lokaljournalist, der kürzlich Rüeggs Auftritt verriss. Während draussen ein Föhnsturm aufkommt, müssen die ungleichen Männer gezwungenermassen die Nacht zusammen verbringen. Um sich von seiner Platzangst ablenken zu lassen, engagiert Bottlang den Alleinunterhalter – aber bitte ohne Schlager. Als Rüegg aus seinem Leben erzählt, stellt sich heraus, dass die beiden mehr verbindet, als sie ursprünglich dachten.

    Ähnlich wie die Seilbahnkabine in der Geschichte kommt auch der Roman «Solo für Bottlang» weitgehend ohne Tempo aus. Wie in einem Kammerspiel lässt Autor Jörg Meier, die gegensätzlichen Figuren in der Enge der Kabine aufeinandertreffen. Gefangen zwischen Himmel und Erde müssen sie sich miteinander auseinandersetzen. Dabei fallen Stück für Stück die äusseren Hüllen ab, bis sich das wahre Ich offenbart.

    Jörg Meier, «Solo für Bottlang», Knapp Verlag, Olten, 2025. 192 S., gb., CHF 29

     

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